Der leere Platz

In der Marienkirche in Lübeck hängt ein berühmtes Altarbild von Hans Memling. Das Bild stellt die Kreuzigung Jesu dar. Man sieht die drei Kreuze in den Himmel ragen. Jesus und die beiden Schächer neben ihm hängen daran. Unter den Kreuzen sieht man ein buntes Gewimmel von Gestalten. Da drängen sich Kriegsknechte und neugieriges Volk, weinende Frauen und stolze Priester. Aber genau in der Mitte, gerade unter dem Kreuz Jesu, ist ein Platz ausgespart. Da ist deutlich eine leere Stelle zu sehen. – Es ist, als wollte der Maler den Betrachter fragen, wer auf dem leeren Platz unter dem Kreuz stehen sollte. Jeder, der das Bild anschaut, soll merken: Ich muss dort stehen. Unter dem Kreuz Jesu ist mein Platz. Dorthin darf ich mit meiner Sorge und Angst, Einsamkeit und Verwundung, Sünde und Schuld kommen. Da ist ein Platz frei für mich. Jesus wartet in Liebe auf mich. Mein Leben hat er am Kreuz getragen und gelöst. Dort unter dem Kreuz Jesu finde ich Frieden und Versöhnung, Heilung und Hoffnung, erfülltes und ewiges Leben. Der Platz ist leer, ich kann ihn einnehmen und dort alles empfangen, was Jesus für mich erkämpft hat.

Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet, was du! getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

(Paul Gerhardt)

Ein Stichwort borgen

Gottfried Benn schrieb als lyrische Summe seiner Lebensanschauung das Gedicht "Verlorenes Ich". Darin beklagt Benn den Verlust von Zeit und Ort, Zusammenhang und Geschichte. Der Mensch hat den Sinn und die Hoffnung, Geborgenheit und Ziel seines Lebens verloren. Das Ich ist zersprengt, die Welt zerdacht, der Mensch entartet. Alle Bereiche und Zusammenhänge des Lebens zeigen Auflösungserscheinungen. Gegen Schluss des Gedichtes heißt es: "Woher, wohin – nicht Nacht, nicht Morgen, kein Evoè, kein Requiem, du möchtest dir ein Stichwort borgen allein bei wem?" Der Mensch weiß nicht mehr um Herkunft und Zukunft. Nachts, als Ziel des Tages, ist nicht. Morgen, als Anbruch und Aufbruch einer neuen Zeit, ist nicht. Es gibt keinen Jubelruf (Evoè), keine Begeisterung, aber auch kein Trauerlied (Requiem). Alles ist gestorben und verloren.

Die Menschen suchen ein Stichwort, ein Wort, das sticht und löst, heilt und erneuert. Allein bei wem? Lange hat man gedacht, das Stichwort könnte Fortschritt heißen oder Wissenschaft, Leistung oder Technik, Wohlstand oder Freizeit. Aber alle diese Worte stechen nicht. Es gibt nur ein Wort, das Hand und Fuß, Herz und Leben hat, das alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst, die Tiefe des Leides, die Höhe der Leistungen, die Weite des Ewigen und die Dichte des wirklichen Lebens. Ein Wort wurde Mensch und Leben, Jesus Christus. In seinem Leben ist alles enthalten, Gott und Geschichte, Gott und Mensch, Raum und Zeit, Leben und Ewigkeit. Sein Leben umfasst das Requiem – gehorsam bis zum Tode am Kreuz – und auch das Evoè, den Jubelruf: "Er ist auferstanden und lebt!"

Gott borgt uns sein Stichwort. Damit können wir wirklich gewinnen. Wir können in Jesus Gott wiederfinden, den Frieden, den Zusammenhang mit der Schöpfung, mit der Zukunft, mit den anderen und uns selbst. Selbstfindung ist nur als Christusfindung möglich. Aber dort, in seiner Liebe und Treue, finden wir das verlorene Ich wieder. Borgen wir uns Gottes Stichwort, es heißt Jesus.

Zum Paradies

In vielen Orten gibt es eine Straße, einen Platz oder ein Gasthaus "Zum Paradies". Hinter diesem Namen steht die Sehnsucht nach einem Ort der Vollkommenheit und Ganzheit, Geborgenheit und Freude. Wir haben das Paradies, das Gott den Menschen am Anfang gab, verloren. Und nun sind wir auf der Suche, um es irgendwo wiederzufinden. Überall suchen es die Menschen, in Liebe und Ehre und Glück, in Dingen und Reisen, in Menschen und Werten, im Übersinnlichen und Abartigen. Es gibt einen Weg zum Paradies. Er führt über Golgatha und den Mann am Kreuz. Es ist ein schmaler Weg mit einer engen Pforte, aber er führt in das ganze vollkommene Leben.

Zwischen dem Paradies der Schöpfung auf den ersten Blättern der Bibel und dem Paradies der Vollendung auf den letzten Blättern der Bibel liegt die Geschichte von Kreuz und Auferstehung Jesu. Zwischen dem Garten Eden für die ersten Menschen und dem Garten des Himmels für die erlösten Menschen liegt der Garten Gethsemane, in dem Jesus den Gehorsam errang. Zwischen dem Baum des Lebens im Paradies und dem Baum des Lebens in einer neuen Welt (Offb. 22,2) steht das Kreuz von Golgatha, das Todeszeichen, das durch die Liebe Jesu in ein Siegeszeichen verwandelt wurde. Zwischen den vier Strömen im Garten Eden und dem Strom des lebendigen Wassers, der vom Thron Gottes ausgeht (Offb. 22,1), fließt der Bach Kidron, der "Schwarzbach", über den Jesus gehen musste in der Nacht, in der er verraten wurde. Zwischen den ersten Menschen, die sündigten und den Fluch auf alle anderen brachten, und der großen Schar der Erlösten aus allen Völkern und Sprachen (Offb. 7,9) steht der Mann der Schmerzen. Zwischen den folgenschweren Worten "Verflucht sei der Acker um deinetwillen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist" (I. Mose 3,17-19) und den wunderbaren Worten "Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein!" stehen die Worte Jesu: "Folge mir nach!" Zwischen dem erlösungsbedürftigen Menschen auf dem verfluchten Acker der Welt und dem erlösten Gottesmenschen in einer neuen Welt steht die Erlösung, die durch Jesus Christus in Kreuz und Auferstehung geschehen ist. Der Weg zum Paradies führt über Jesus auf Golgatha!

Vom Wolf zum Lamm

Das Märchen vom "Wolf und den sieben Geißlein" erzählt anschaulich, wie der böse Wolf seine Pfote in Weißmehl tunkt und seine Stimme mit Kreide weich und sanft macht, um den kleinen Ziegen wie eine gute Mutter zu erscheinen. Er kommt als Unschuldslamm und ist doch der reißende Wolf.

Wie viele Menschen tauchen ihre groben Hände in das Weißmehl der bürgerlichen Unschuld und machen ihre rauhen Stimmen und Sitten mit etwas Anstandskreide sanft und verführerisch! Doch innen drin wohnt der Wolf, reißend, räuberisch und hinterlistig gemein.

Das idealistische Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch manche Fehler und Schwächen hat, aber im Kern gut und edel ist. Das biblische Menschenbild sieht den Menschen in seinem Innersten verdorben und zerbrochen. Er ist zum wirklich Guten nicht fähig, auch wenn er sich eine weiße Pfote und eine sanfte Art zulegt.

Der Mensch ist ein Wolf, und er soll ein Lamm werden. Nicht indem er sich äußerlich verkleidet, sondern indem er von innen her verwandelt wird in eine neue Art. Damit ist der Kampf und das Ziel unseres Lebens angedeutet, vom Wolf unserer gefallenen Natur nach zum Lamm unserer erlösten Art nach. Jesus, das Lamm Gottes, gibt uns die Möglichkeit der Verwandlung, wenn wir uns mit unserer alten Natur ihm anvertrauen.

Warum gerade Jesus?

Nach einem Vortrag kommt eine Frau zu mir und sagt schnippisch: "An einen barmherzigen Gott im Himmel glaube ich auch, aber einen gekreuzigten Jesus brauche ich nicht. Ein leidender, blutender Christus am Kreuz ist mir zu unappetitlich und zuwider!" Ich versuche ihr zu erklären, warum der barmherzige Gott im Himmel und der gekreuzigte Jesus eins sind.

Im Sommer 1988 ereignete sich in Borken ein schweres Grubenunglück. Eine furchtbare Explosion zerstörte einen Stollen. Eine fieberhafte Rettungsaktion begann. Grubenwehren aus ganz Deutschland suchten nach Überlebenden und bargen Tote. Fünfzig Bergleute kamen ums Leben. Als kaum noch Hoffnung auf Überlebende bestand, entdeckte man sechs Männer, die sich in ein Stollenende hatten retten können. Man begann zu rechnen und zu planen. Dann wurde eine Bohrung niedergebracht. Und schließlich, nach langen Stunden von Bangen und Hoffen, drangen die Retter zu den Verschütteten vor. Die Retter kamen dreckig, verschwitzt in der gleichen Kleidung und unter Einsatz ihres Lebens zu den Eingeschlossenen und brachten sie vorsichtig und mit viel Mühe ans Tageslicht. Was hätte den Bergleuten in ihrer Angst und Todesnot, in ihrer Dunkelheit und Bedrohung ein schön angezogener Bergwerksdirektor über Tage genützt? Die Retter kamen zu den Gefangenen herab, sie kamen in die gleiche Not und Dunkelheit hinunter. Sie trugen die gleiche Kleidung und wurden mit den Bergleuten eins. Nur so konnten sie sie retten. Ob die Befreiten sich am Dreck und Schweiß ihrer Retter gestört haben? – Gott will uns aus unserer tiefen Todesnot retten. Tief steigt er darum herab, bis zum Kreuz auf Golgatha erniedrigt sich Gott. Das Blut seines Sohnes ist ihm nicht zu teuer. Wer sich daran stört, hat noch nicht begriffen, wie tief verloren er ist. Der barmherzige Gott im Himmel kann uns nur retten und bergen, wenn er so tief zu uns herunterkommt, wie wir gefallen und geraten sind. Der blutende Christus am Kreuz ist nicht schön. Aber er ist unsere einzige Rettung.

Gerade im Leiden Jesu kommt die Barmherzigkeit Gottes zum Ausdruck. Es geht hier nicht um Ästhetik, sondern um unser Überleben. Und dazu brauchen wir den Gekreuzigten. Gott gab ihn in seiner Liebe, und wir nehmen seine Rettung mit Dank an.

"Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt!"

(2. Korinther 5,21)

Lammesweg geht über Löwenmacht

Auf dem Berge Mandara hauste ein mächtiger Löwe. Unaufhörlich riss er andere Tiere und nahm sie zur Beute. Die Tiere hielten in ihrer Angst eine Versammlung ab und kamen überein, dem Löwen einen Vorschlag zu machen. Unbestritten sei er, der Löwe, der König der Tiere. Aber bevor er sich jeden Tag auf seinen Beutezügen so anstrengen müsse, wollten die Tiere ihrerseits ihm jeden Tag freiwillig eines aus ihrer Mitte zum Fraß bereitstellen. So könne er im Schatten liegen und brauche sich nicht mehr so zu bemühen. – Der Löwe war geschmeichelt und willigte ein. Die Tiere führten jeden Tag ängstlich ein Tier herbei. Da fiel die Wahl auf einen Hasen. Der alte Angsthase dachte bei sich, man müsse klug sein, wenn man sein Leben behalten wolle. Schleppend und hinkend näherte er sich dem Löwen und erzählte aufgeregt, dass ihn unterwegs ein noch mächtigerer Löwe überfallen habe. Nur mit Mühe habe er entkommen können. Zornig sprang der Löwe auf und befahl dem Hasen, ihm diesen schändlichen Widersacher zu zeigen. Der Hase nahm den Stolzen mit zu einem tiefen Brunnen, zeigte dem Löwen sein eigenes Spiegelbild im tiefen Wasser und rief, da unten sitze er. Aufgeblasen vor Wut warf sich der Löwe in den Brunnen und ertrank.

Löwenweg und Löwenmacht haben in der Geschichte der Menschheit unendlich viel Grausamkeit und Zerstörung, Leid und Schmerzen, Blut und Tränen hervorgebracht. Kriege und Untergang, Trümmer und Tote, Flucht und Folter, Hunger und Hass, Armut und Ausbeutung säumen den Löwenweg. Löwen haben immer andere für sich geopfert, um ihre Macht zu beweisen und selber zu überleben. Aber Löwenmacht ist nur begrenzte, zeitlich und räumlich begrenzte Macht, weil sich auf Dauer und Länge auf dem Wege der Gewalt kein Reich gründen lässt. Letztlich sind Löwenwege immer in der Zerstörung geendet. Letztendlich führte Löwenmacht immer in die Vernichtung, erst anderer und schließlich auch zur eigenen Vernichtung. Wege der Gewalt und Menschen der Macht haben nie wirklich überleben können. Aber sie haben viel Unglück und Schmerzen bereitet.

Gott hat einen anderen Weg gezeigt, den Weg der Liebe, des Opfers, der Geduld und Versöhnung. Jesus hat seine Macht an die Liebe gebunden und seine Liebe im Opfer stark werden lassen. Er hat sich für andere geopfert und ist zum Überwinder geworden. Sein Lammesweg geht über alle Löwenmacht.

"Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt die Sünde trägt!"

(Johannes 1,29)

Die besten Waffen

Als Gott die Welt erschaffen hatte, freute er sich über alle seine Werke. Jedes Wesen hatte seine Bestimmung, und alle Geschöpfe lebten fröhlich in ihrer Eigenart. Nur das Lamm lag traurig vor dem Throne Gottes und konnte die Freude der anderen Geschöpfe nicht teilen. Gott bemerkte das Leid des Lammes und fragte es: "Was fehlt dir, dass du so traurig und niedergeschlagen bist?" – "Ach, mein Gott" -, antwortete das Lamm seufzend, "wie kann ich vergnügt und fröhlich sein, wenn ich schwach und hilflos bin. Warum bin ich so anders unter deinen Geschöpfen? Warum gabst du mir nicht Waffen zur Verteidigung wie allen anderen Tieren? Spitze Hörner und scharfe Klauen, kräftige Rüssel und giftige Zähne, schnelle Beine und breite Flügel haben andere Tiere. Sie alle können sich retten durch Klettern und Laufen, Fliegen und Tauchen, Beißen und Stechen, Fangen und Rauben. Aber ich bin wehrlos in der großen Welt und der Willkür meiner Feinde ausgesetzt."

Gott hörte die Klagen des Lammes und gab ihm recht: "Ich überlasse dir die Wahl. Möchtest du Krallen, Nägel, scharfe Zähne, ein Geweih oder Rüssel, Flügel oder Flossen?" – "Ach nein, mein Gott. Solche gefährlichen Waffen verletzen. Ich möchte dich um die besseren Waffen bitten, mit denen ich das Böse und den Feind wirklich überwinden kann!" – "Deine Bitte ist gerecht, darum will ich sie dir erfüllen. Ich gebe dir hiermit die besten Waffen, mit deren Hilfe du alles überwinden und besiegen kannst!" Und Gott gab dem Lamm seine besten Gaben, nämlich Sanftmut, Hingabe und Geduld.

(Nach einem jüdischen Märchen)

Die besten Waffen sind nicht Raub und Gewalt, Schnelligkeit oder Stärke, Reißen oder Schlagen. Sie haben immer nur neues Unglück, noch mehr Not und Leid, Zerstörung und Feindschaft hervorgebracht. Die besten Waffen wählte Jesus, das Lamm Gottes, zur Überwindung alles Bösen, des letzten und schlimmsten Feindes, der größten Macht: seine Hingabe in Liebe und sanfter Geduld. So überwand Gott den Hass und den Tod, den Teufel und das Gericht.

"Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob!"

(Offenbarung 5,12)

Ich habe gehorcht!

Der Überlinger Philosoph Leopold Ziegler bestimmte schon bei Lebzeiten den Spruch für seinen Grabstein. Dort sollte einmal nach seinem Willen stehen: "Ich habe gehorcht!" Ziegler meinte damit wohl zwei Dinge, die im Leben zusammengehören. Mein Leben ist ein Horchen, Wachen, Warten, Empfangen und Lauschen. Mit dem Hören und Horchen, Stillewerden und Empfänglichsein beginnt das Leben. Aber dann auch das andere. Leben ist Gehorchen und Handeln, Aktivwerden und Schritte wagen.

In dieser Spannung von Besinnen und Beginnen, Ruhen und Tun, Horchen und Gehorchen wollte Ziegler sein Leben verstanden wissen.

Schweigen und Horchen fällt uns oft schwer. Warten und Offensein macht uns Mühe. Was uns so leicht dünkt, einfach nichts zu tun, nicht rennen, nichts in die Hand nehmen, ist bisweilen das Schwerste. Dabei ist Schweigen viel mehr als Nichtreden. Es ist die aktive Haltung aufmerksamer Bereitschaft. Es ist das bewusste Hinhören und Empfangenwollen. Dabei ist Warten mehr als ein Nichthandeln. Es ist die angespannte Wachsamkeit, die auf Kommendes wartet und mit Neuem rechnet.

Mit Horchen und Warten muss alles Gehorchen und Handeln beginnen.

"Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!"

(Jesaja 30,15)

Schritte des Glaubens wagen

Eine Legende erzählt von einem alten Juden aus Krakau mit dem Nanien Eisik Jekel. Er hatte in seinem Leben viel Schweres erlebt, war aber darüber nicht bitter geworden. Vielmehr hatte er sich ein kindliches Vertrauen auf Gottes Güte und seine Macht bewahrt. Er war alt und sehr arm. Aber in seinem Herzen lebte die Sehnsucht, etwas Großes für Gott tun zu können. Eines Nachts träumt er, dass Gott ihm befiehlt, er solle nach Prag wandern, dort an der Brücke zum königlichen Schloss würde er einen Schatz finden. Eisik Jekel erwacht, bindet sich seine zerfetzten Sandalen unter die Füße, wirft sich den alten Mantel über und wandert den weiten Weg nach Prag. Dort sucht er die Brücke zum königlichen Schloss und findet sie schwer bewacht. Jeden Morgen zieht die Wache auf, und jeden Tag streift Eisik Jekel um die Brücke herum und hält Augen und Ohren offen. In seiner Glaubenseinfalt sucht er den Schatz. Gehorsam wartet er, bis er ihn findet. Nach einigen Tagen fällt dem Hauptmann der Wache der alte Jude auf, und er spricht ihn an: "Suchst du etwas? Bist du mit jemandem verabredet? Wartest du auf jemanden?" Eisik erzählt ihm seinen Traum. Da lacht der Hauptmann und nennt ihn einen Narren: "Träume sind Schäume. Du bist ein Dummkopf. Dann müsste ich ja auch töricht sein und losgehen, denn mir träumte vor Jahren, ich solle nach Krakau wandern und dort bei einem alten Juden, der Eisik Jekel heißt, unter dem Ofen nach einem Schatz graben. Nein, das ist doch Dummheit!" Eisik Jekel verbeugt sich, nimmt den Mantel zusammen, wandert nach Hause, gräbt unter seinem Ofen und findet einen großen Schatz. In seiner Freude baut er für Gott ein wunderschönes Bethaus.

Gott offenbart und verhüllt sich zugleich. Jesus zeigt seine Herrlichkeit und verbirgt sie zugleich. Gott liegt nicht auf der Straße, Jesu Größe ist nicht in den Schaufenstern ausgestellt. Man kann den Schatz des Lebens nicht einfach kaufen und erwerben. Er ist verborgen. Der kindliche Glaube und der schlichte Gehorsam finden den Weg und sehen die Erfüllung. Wer sich öffnet, in dem zeigt sich Gott. Wer Sehnsucht hat, wird erfüllt. Wer losgeht, der findet den Reichtum des Lebens und kann Großes für Gott tun.

Ich danke Gott

In einer fränkischen Zeitung erscheint eines Tages eine Anzeige mit dem Wortlaut: "Ich danke Gott und dem Opelfahrer, der am … auf der Bundesstraße … mein falsches Überholen durch geschicktes Bremsen ausgeglichen und mir das Leben gerettet hat!"

Drei Tage später erscheint in derselben Zeitung an gleicher Stelle eine neue Anzeige mit dem Wortlaut: "Noch mal Schwein gehabt! Der Opelfahren."

"Ich danke Gott" oder "Schwein gehabt", welche Anschauung vom Leben haben wir? Empfangen wir das Leben als Geschenk von Gott, oder sehen wir es als Ergebnis von Glück oder Unglück an?

Das Haben und Bekommen ist die Vorstufe des Lebens. Erst im Danken finden wir die Beziehung zum Geber und zum Nächsten. Gott und dem anderen danken sind elementare Äußerungen des Lebens.

Täglich zu singen

Ich danke Gott und freue mich
wie’s Kind zur Weihnachtgabe,
dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
schön menschlich Antlitz! habe.

Gott gebe mir nur jeden Tag,
so viel ich darf zum Leben.
Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;
wie sollt er’s mir nicht geben!

(Matthias Claudius)

"Gott nötig haben, ist des Menschen höchste Vollkommenheit. Man braucht sich nicht zu schämen, dass man Gott braucht, sondern gerade das ist die Vollkommenheit; und am traurigsten ist es, wenn ein Mensch durchs Leben ginge, ohne zu entdecken, dass er Gott braucht."

(Soren Kierkegaard)