Horchen und Gehorchen

Drei Schmiedegesellen wanderten von Borkum aus bei Ebbe auf das Wattenmeer hinaus. Weit waren sie gelaufen, tief hatten sie die gute Luft eingesogen, fröhlich hatten sie miteinander geredet. Aber dann überfiel die Männer von einer Minute zur anderen dichter Nebel. Sie fassten sich bei der Hand und rannten zum Ufer. Doch sie verloren im dichten Nebel die Orientierung. Sie rannten in diese und jene Richtung, aber sie konnten das rettende Ufer nicht finden. Dann kam das Wasser. Langsam stieg die Flut. In dem höher auflaufenden Wasser kämpften die Männer um ihr Leben. Dann sagte einer von ihnen: Jetzt sind wir ganz still, halten den Atem an, rühren uns nicht!" Mit dem Finger tastend und den Ohren horchend prüfte er die Richtung des Wassers, denn bei Flut läuft das Wasser auf das Ufer zu. Nach dem Horchen rannten sie ein kurzes Stück. Dann wieder Stille und Horchen, dann wieder laufen. So erreichten sie schließlich doch das rettende Ufer.

Was hat sie gerettet? Das Stillesein oder das Laufen? Beides hat sie bewahrt. Einfach nur laufen hilft nicht weiter, wenn man die Richtung nicht findet. Einfach nur stille sein und warten bedeutet den Untergang. Nur in der Spannung und Ergänzung von Horchen und Handeln liegt eine Überlebenschance.

So ist es auch im Leben. Wir müssen Einhalten und Horchen, Losgehen und Gehorchen. Wir nehmen uns Stille und hören auf Gottes Weisung. Und dann gehen wir los und tun, was er uns gesagt hat.

"Herr ich warte auf dein Heil und tue nach deinen Geboten!"

(Psalm 119,166)

Das sanfte Joch

Vielen Menschen tut der Hals weh vom vielen Drehen und Wenden nach all den Dingen dieser Welt. Sie sind von den verlockenden Angeboten des Lebens hin- und hergerissen. Sie haben einen verdrehten Hals, und ihr Nacken tut ihnen weh. Lassen wir uns umdrehen zu Jesus und nur noch eine Blickrichtung haben! Das Angebot unseres Herrn ist befreiend. Er bietet uns an, nur noch einen Herrn zu haben, der es gut mit uns meint. Jesus sagt: "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!" – Jesus war Zimmermann und wusste, dass schlecht angepasste Joche drücken und wundreiben, scheuern und schmerzen. Darum haben so viele Menschen Schmerzen und Wunden, Kränkungen und Verletzungen auszuhalten. Wir tragen an den falschen Jochen, die uns kaputtmachen. Das Joch der Sorge reibt uns auf. Das Joch der Sünde drückt uns nieder. Das Joch der Angst tut weh. Aber Jesu Liebe passt zu uns. Wenn wir uns mit Jesus in ein Joch spannen lassen, ist es eine Wohltat gegen alle anderen Joche. Das Joch Jesu passt wie angegossen und tut uns wohl. Kein Vergleich zu all den Lasten, die wir so mit uns herumschleppen. Lassen wir uns umdrehen zu Jesus und gehen wir mit ihm in einem Joch! So werden wir heil und ganz, versöhnt und stark.

"Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!"

(Matthäus 11,29f)

Der Schatz im Acker

Ein Bauer im Edertal bei Frankenberg pflügt seinen Acker. Plötzlich bleibt der Pflug hängen. Der Landwirt springt vom Schlepper und gräbt mit seinen Händen ein mit Erde verschmiertes Holz aus. Als er es etwas säubert, erkennt er den geschnitzten Körper Jesu, der einmal an einem Kreuz angenagelt war. Das Kreuz ist längst vermodert, die Nägel, mit denen Hände und Füße angenagelt waren, sind verrottet. Aber der Leib Jesu ist vollkommen erhalten. Der Bauer nimmt seinen Fund mit nach Hause, reinigt das Schnitzwerk vom Dreck und sieht sofort, dass es sich um ein besonderes Kunstwerk handelt. Der Körper Jesu ist wunderbar geschnitzt. Ein Restaurator stellt die wunderbaren Farben wieder her, und das jahrhundertealte Kunstwerk kommt in einer kleinen Kirche im Edertal zur Geltung. Das Kreuz fehlt, aber der Leib Jesu ist erhalten. Ja, Jesus ist aus einem anderen Holz geschnitzt, das nicht vermodert. Er ist jetzt nicht mehr der Gekreuzigte, obwohl seine ausgebreiteten Hände noch die Löcher für die Nägel zeigen und an die Liebe Jesu am Kreuz erinnern. Jetzt erscheint Jesus dort mit seinen weit ausgebreiteten Armen als der Segnende, der seine Arme den Menschen entgegenstreckt.

Jesus lebt, und wer ihn findet, findet einen großen Schatz, die Segnung seines Lebens und die Heilung seiner Verwundungen.

"Durch seine Wunden sind wir geheilt!"

(Jesaja 53,5)

Unser Scherbelino

Vor den Toren Stuttgarts gibt es einen großen, heute mit Rasen bepflanzten Hügel, den die Schwaben liebevoll Scherbelino nennen. Auf diesen Hügel haben die Bewohner der Stadt nach dem zweiten Weltkrieg die Trümmer und Scherben gebracht, um die Stadt wieder neu aufbauen zu können. In Wagen und Karren fuhr man damals den Schutt auf einen Hügel, damit der Wiederaufbau beginnen konnte.

So einen Hügel brauchten wir auch für unser Leben, wohin man die Trümmer und Scherben bringen und dann neu anfangen könnte. Gottlob, diesen Scherbelino gibt es. Es ist der Hügel Golgatha vor der Stadt Jerusalem. Dort, wo Jesus für unsere Sünden und Schwächen starb, kann man alle seine Scherben und Trümmer abladen und dann mit Vergebung und Heilung neu beginnen. Das Kreuz Jesu ist der Ort, an dem wir alles abladen können, der Scherbelino für eine ganze Menschheit. Gott sei Dank!

Die Sünden, die wir verbergen, werden immer wieder zum Vorschein kommen und den Lebensaufbau stören. Die Sünden, die wir unter dem Kreuz abladen, sind wirklich verborgen und vergeben. Darauf kann man ganz neu beginnen.

"Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!"

(Psalm 32,1)

Wohin gehen wir?

Unter dem Kaiser Nero werden die Christen in Rom grausam verfolgt. Sie werden eingekerkert, gefoltert und warten auf die Begegnung mit den wilden Tieren in der Arena zur Belustigung des Volkes. Die Christen haben Petrus gebeten, die Stadt zu verlassen und sein Leben im Interesse der anderen Gemeinden zu retten. So zieht Petrus mit einem Jungen als Begleiter heimlich aus der Stadt. Unterwegs kommt ihm in einer Vision der auferstandene Christus entgegen. Petrus erkennt freudig seinen Herrn und fragt ihn: "Quo vadis, domine?" – Wohin gehst du, Herr?" Jesus antwortete ihm: "Ich gehe in die Stadt, um mit den Meinen zu leiden und zu sterben!" – Da erkennt Petrus, dass er in die Stadt Rom zurückkehren, die Christen stärken und mit ihnen sterben soll. Schnell dreht er sich um und kommt gerade noch rechtzeitig, um die Christen in den Gefängnissen zu stärken und mit ihnen zu beten, bevor sie den wilden Tieren zum Fraß und dem Volk zur Erheiterung dienen sollen. Auch Petrus stirbt schließlich in Rom für seinen Herrn.

Diese Szene aus dem Roman "Quo vadis" fragt uns, wohin wir gehen. Aus der Stadt hinaus, um unser Leben zu retten, oder in die Leiden hinein, um für Jesus ein Zeugnis zu sein?

Jesus sagt: "Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!"

(Matthäus 16,24)

Das Opfer

Vom Perserkönig Cyrus wird erzählt, dass er auf einem seiner Eroberungszüge einen Fürsten mit Frau und Kindern gefangen nahm. Als man sie Cyrus zuführte, fragte dieser den Fürsten: "Was gibst du mir wenn ich dir deine Freiheit zurückgebe?" "Die Hälfte meines Reiches", war die Antwort. "Und wenn ich auch deine Kinder freilasse?" "Mein ganzes Reich "Aber was gibst du für deiner Gattin Freiheit?" "Mich selbst!"

Cyrus gefiel diese Antwort so sehr, dass er die ganze Familie ohne Lösegeld freigab. Auf der Heimreise fragte der Fürst seine Frau, ob sie beobachtet habe, war für ein edler, schöner Mann Cyrus sei. Darauf erwiderte sie: "Ich sah nur den, der bereit war, sich selbst als Lösegeld für meine Freiheit zu geben!"

Könnten nicht alle Gotteskinder ebenso lernen, nur Augen für Jesus zu haben, der nicht nur willig war, sich für uns zu opfern, sondern es auch tat?

Liebe ist stark wie der Tod

Liebe und Tod haben etwas gemeinsam. Sie sind unwiderstehlich. Sie haben eine Macht in sich, der sich schließlich alle beugen müssen. Gegen den Tod anzukämpfen ist letztlich genauso aussichtslos wie der Liebe zu entgehen.

Nach der russischen Revolution 1917 tobte mehrere Jahre ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen der konservativen Bevölkerung, den Weißen, und den Kommunisten, den Roten. Zu dieser Zeit ging ein orthodoxer Priester eine Straße entlang, als er sah, wie Soldaten der Weißen Armee einen kommunistischen Soldaten an einen Baum banden, um ihn hinzurichten. Der Offizier des Exekutionskommandos sah den Priester und grüßte ihn mit dem üblichen Gruß in Russland: "Segne uns, Vater!" Der Priester antwortete: "Ich kann einen Mord nicht segnen!" Die Weißen ließen ihren Gefangenen, durch die Worte des Priesters betroffen, frei.

Einige Zeit später rief eine Frau den gleichen Priester zu ihrem sterbenden Sohn, damit er ihm die Sterbesakramente verleihe. Als der Priester das Haus betrat, schrie der Sohn wütend: "Ich will keinen Priester. Diese Bösewichte sollen alle umgebracht werden. Ich bin Kommunist. Ich kann Priester nicht ausstehen." Doch dann erkannte er in dem Mann den Priester, der ihm neulich das Leben aus der Hand der Weißen gerettet hatte. "Du hast mir das Leben gerettet. Aber ich hatte den Auftrag, dich umzubringen. Siehst du das Messer auf dem Tisch? Wenn du das gewusst hättest, hättest du dann genauso gehandelt?"

"Auch dann", antwortete der Priester, "hätte ich keinen Mord gesegnet, denn Gott hat für uns alle Vergebung und Liebe bereit. Seine Liebe ist stärker als der Tod. Nun hat mich Gott ein zweites Mal zu dir geschickt, um dich zu retten."

Kurze Zeit später war der Mann tot. Doch der ganze Hass war aus seinem Leben gewichen und hatte der Liebe und Versöhnung Gottes Platz gemacht.

"Liebe ist stark wie der Tod!"

(Hoheslied 8,6)

Gerettet aus Liebe

Im August 1941 gelang einem der Häftlinge aus dem KZ in Auschwitz die Flucht. Aus Wut, Hass, Rache und Abschreckung zugleich wurden abends beim Appell zehn Männer ausgewählt, die in einer Zelle ohne Essen und Trinken qualvoll sterben sollten. Der Kommandant rief wahllos zehn Nummern auf, und die Männer traten vor. Unter ihnen war ein junger Pole, Franz Gajowniczek. Er trat weinend aus der Reihe und brach schreiend zusammen. Da löste sich ein elfter Mann aus der Reihe und ging auf den Lagerleiter zu: "Ich bin katholischer Priester, ich bitte Sie, lassen Sie mich für den Mann gehen, der eine Frau und drei kleine Kinder zu Hause hat!" Der Lagerleiter war so verblüfft, dass er der Bitte nachgab. Pater Maximilian Kolbe ging für den jungen Polen in die Zelle und starb einen qualvollen, elenden Tod. Der andere Mann war gerettet. Er hatte durch das Opfer des Paters sein Leben noch einmal geschenkt bekommen. Das ist ein eindrückliches Bild für die Liebe Jesu am Kreuz. Dort geht Jesus für uns den Weg in den Tod und die Gottverlassenheit, trägt unsere Schuld und unser Gericht. Wer sein stellvertretendes Opfer persönlich annimmt und für sein Leben gelten lässt, wird gerettet. Der Pole hat damals sein Leben gleichsam noch einmal empfangen. So werden Menschen, die durch Jesu Liebe gerettet sind, noch einmal geboren, wiedergeboren. Die Liebe Jesu hat Macht; lassen wir uns durch sie retten und neu mit Leben beschenken, irdischem Leben und ewigem Leben!

"Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt die Sünde trägt!"

(Johannes 1,29)

Draußen auf dem Feld

Ein Krankenhausseelsorger geht durch die Klinik und besucht die Patienten. Um sie mit ihrem Namen ansprechen zu können, schaut er jeweils über dem Bett nach dem Namen des Kranken. Eines Tages kommt er zu einem Mann, über dessen Bett auf dem Blatt nur der Name "Feld" steht. Er fragt den Mann: "Heißen Sie einfach nur Feld?" "Ja, ich heiße einfach nur Feld. Ich habe keinen Namen und keine Eltern. Man hat mich als Säugling auf einem Feld ausgesetzt und dort gefunden. Darum heiße ich einfach nur Feld. Ich bin nicht gewollt und nicht geliebt, habe kein Zuhause und keine Angehörigen, ich bin auf dem Feld ausgesetzt und gefunden, einfach nur Feld!"

Heißen wir nicht alle mal so: ungeliebt und ungewollt, ausgesetzt und ungeborgen, heimatlos und unbehaust? Und doch heißen wir im Grunde ganz anders. Von Gott her heißen wir geliebt und gewollt. Gott kam auf das Feld der Erde. Auf dem Hirtenfeld von Bethlehem kam er in einer Notunterkunft zur Welt. Er starb auf dem Hügel Golgatha, draußen vor der Stadt, ausgesetzt und preisgegeben. Als wollte Gott sagen: "Draußen auf dem Feld, wo ihr seid, ungeborgen und heimatlos, da komme ich hin, werde euch gleich und verwandle euren Namen von Feldmenschen in Gotteskinder! " Wir sind letztlich Kinder der Liebe Gottes. Hinter unserem Leben steht kein blinder Zufall, sondern eine Liebesabsicht Gottes. Wir sind Gottes Wunschkinder, von ihm gewollt und gemeint, gesucht und gefunden, heimgesucht und nach Hause gebracht. Auch auf dem Feld dieser Erde sind wir Gottes Kinder. Denn Jesus kam auf dieses Feld und nahm sich unserer persönlich an.

"Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch!"

(Johannes 14,18)

Das Wort vom Kreuz

Eine der ältesten Darstellungen des Kreuzes ist eine Karikatur auf dem Palatin in Rom. Da ist in einer ehemaligen Wachstube der kaiserlichen Garde in groben Zügen ein Kreuz an die Wand gekritzelt. An dem Kreuz hängt ein Mensch mit einem Eselskopf. Davor kniet ein Soldat in der Rüstung eines römischen Legionärs. – Daneben stehen die Worte: "Alexamenos betet seinen Gott an!"

Offenbar hat es in der kaiserlichen Garde damals einen Soldaten namens Alexamenos gegeben, der sich zu Christus bekannte. Seine Kameraden haben ihm bescheinigt, was sie davon halten. An einen gekreuzigten Jesus zu glauben ist eine Eselei, eine Dummheit.

Das alte Spottlied erinnert uns daran, wie anstößig die Predigt vom Kreuz und dem Opfertod Jesu war. Wir haben das Kreuz zu einem Schmuckstück gemacht, es vergoldet, an zarte Ketten gehängt und in wunderbare Musik gekleidet. Eigentlich ist das Kreuz ein Fluchholz, ein Skandal und ein Ärgernis, ein Zeichen des Todes. Doch durch die Auferstehung Jesu wurde das Kreuz zu einem Zeichen des Sieges und der Kraft. Allein in Jesu Tod liegt die Chance zu einem neuen Leben, das Schuld und Leid, Schicksal und Tod überwindet, weil Jesus diese Mächte dort am Kreuz ausgehalten und überwunden hat.

"Den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, predigen wir als göttliche Kraft und Weisheit!"

(l. Korinther 1,23f)