Ein Liebesbrief

Eine Prinzessin bekommt von ihrem Verlobten zu ihrem Geburtstag ein großes, schweres Paket. Voller Erwartung öffnet sie die gewichtige Sendung und findet darin eine dunkle, schwere Eisenkugel. Tief enttäuscht und verärgert wirft sie die schwarze Kugel in die Ecke. Auf den Boden fallend, springt die äußere Schale der Kugel auf, und eine Silberkugel kommt zum Vorschein. Die Prinzessin nimmt die Silberkugel in die Hand, dreht und wendet sie nach allen Seiten. Da öffnet sich die silberne Hülle, und es kommt ein goldenes Etui heraus. Sorgsam bewegt die Prinzessin das Etui und findet ein kleines Knöpfchen, drückt es, und das Etui springt auf. Da liegt ein kostbarer Ring mit einem wunderbaren Diamanten. Ein kleiner Brief liegt dabei mit den Worten: "Aus Liebe zu dir!"

So geht es vielen Menschen mit der Bibel. Fremd und schwer, dunkel und eigenartig erscheint sie auf den ersten Blick. Wer sie aber in die Hand nimmt, aufschlägt, sie hin und her wendet, von allen Seiten betrachtet und darin liest, dem öffnet sie sich. Immer neue Schönheiten, immer tiefere Werte werden wir bei unserem Anschauen entdecken. Bis wir schließlich den kostbaren Kern – einem Diamanten gleich – aufleuchten sehen: "Aus Liebe zu dir!"

Die Bibel ist ein einziger Liebesbrief Gottes an seine Menschenkinder. Je mehr wir darin lesen und leben, um so geborgener und getrösteter werden wir sein.

"Seit ich gelernt habe, die Bibel zu lesen, wird sie mir täglich wunderbarer. Ich lese jeden Tag darin. Ich weiß, dass ich nicht mehr leben könnte ohne sie!"

(Dietrich Bonhoeffer)

Unser Lebensbuch

Wir alle schreiben ein Buch, das Buch unseres Lebens. Wenn jeder Tag, den wir erleben, nur eine Seite füllt, dann ist unser Leben ein dickes Buch mit vielen tausend Seiten. Was steht da alles drin?!

Manche Seiten quellen über von großer Freude, die wir erlebten. Sie erzählen von der Lust am Leben, sprechen von schönen Dingen, glücklichen Zeiten und herrlichen Erlebnissen.

Manche Seiten unseres Lebensbuches sind erfüllt von Begegnungen mit Menschen und Ländern, Büchern und Gedanken, Kunst und Musik. Welch ein Reichtum liegt in diesen Seiten verborgen!

Manche Seiten zittern noch von der Spannung und Dramatik, in die wir gerieten. Wie viele Abenteuer und Gefahren haben wir erlebt, welche Grenzen und Proben erfahren, was für Kämpfe und Herausforderungen empfangen! Wir sind darin gewachsen und gereift, geläutert und gestärkt.

Manche Seiten sind noch ganz nass von den Tränen, die wir darauf geweint haben. Schmerzen und Leid, Trauer und Einsamkeit füllen viele Seiten unseres Lebensbuches. Wir erkennen sie am schwarzen Rand der leisen Schwermut, und sie erinnern uns an durchwachte Nächte und durchlittene Tage, an Verlust von Menschen, an gestorbene Hoffnungen, an riesige Enttäuschungen und schmerzhafte Kränkungen. Das Leben war mehr als einmal auch zum Weinen.

Und manche Seiten möchten wir am liebsten herausreißen. Das sind die Seiten im Lebensbuch, die wir verkehrt geschrieben, verkleckst und verkorkst haben. Seiten voller Fehler, an die wir uns nicht gerne erinnern und die wir niemandem zeigen möchten. Falsch gelebt, lieblos geredet, gedankenlos gehandelt, unwahr gesprochen. Worte und Dinge, die wir gern ungeschehen machen würden. Eine tiefe Wehmut legt sich wie ein dunkler Schatten auf uns, wenn wir diese Seiten bedenken.

Kein Mensch nimmt uns unsere Fehler und diese Wehmut ab. Die Seiten fallen uns schwer auf die Seele. Vor Menschen möchten wir sie verbergen und verstecken. Aber bei Gott sind sie alle offenbar. Doch gerade Gott liebt uns mit den dunklen Seiten in unserem Lebensbuch. Erwill sie uns vergeben und die ganze Schuld eines langen Lebens ausradieren. Mit der Liebe Jesu können wir ganz neu beginnen, zu leben und uns zu freuen, denn alle Sünde hat er für uns getragen.

An-Gebote zum Leben

Eine Legende aus England erzählt, dass die Menschenkinder sich am Anfang ihrer Geschichte in einem wunderbaren Garten vorfanden. Sie waren darin geborgen und zufrieden. Sie spielten auf der herrlichen Wiese inmitten des Gartens ihre fröhlichen und heiteren Spiele. Niemand fühlte sich eingeengt durch die hohe Mauer, die den Garten und das Glück umgab. Eines Tages machte ein Menschenkind die anderen auf die Mauer aufmerksam: "Man traut uns nicht. Die Mauer engt uns ein. Sie verwehrt uns die weiteren Räume des Lebens. Auf, lasst uns die Mauer niederreißen! – Die Menschenkinder wollten die Freiheit und rissen die Mauer nieder. Dabei machten sie eine furchtbare Entdeckung. Hinter der Mauer gähnte ein tiefer Abgrund. Die Mauer hatte ihr Leben nur schützen, den Spielraum des Lebens nur sichern wollen. Aber nun war sie niedergerissen. Aus Bewahrung war Bedrohung geworden. Fortan saßen die Menschenkinder ängstlich in der Mitte des Gartens und wagten nicht mehr die schönen, freien Spiele des Lebens. Aus der scheinbaren Befreiung war Angst vor dem Absturz gewachsen.

Gott gab uns seine guten An-Gebote zum Leben, damit sie uns schützen und schonen, bewahren und sichern. Wer diese Mauern niederreißt, bekommt einen neuen Herrn: die Angst. Wenn die Ehrfurcht vor Gott niedergetreten wird, macht sich die Heidenangst um das Leben breit. Wer die Liebe Gottes verliert, wird zwischen den grausamen Mühlsteinen Angst vor dem Weniger und Gier nach Mehr gnadenlos zerrieben.

Welch eine Freiheit wäre das, nur einen Herrn zu haben, der uns liebt, von einer Mauer der Barmherzigkeit umgeben zu sein, die uns schützt, nur eine Macht zu kennen, die uns beherrscht! Darum gibt es auf das An-Gebot des einen Herrn nur eine Antwort des Menschen: Hingabe an den, der sich für uns gab. Dann könnte das Gebot Gottes zum Gebet des Menschen werden: "Nimm mich hin und lass mich sein, ewig, einzig, völlig dein!"

Trost erfahren

In einem kleinen Dorf wohnte ein großes Glück. Ein Mann und eine Frau bekamen ein Mädchen, das der Sonnenschein aller wurde. Eines Tages wurde das Kind vor den Augen der Eltern auf der Straße überfahren. Das ganze Dorf nahm Anteil an der Trauer der Eltern. Auch nach über einem Jahr war die Mutter über den Verlust ihres Kindes untröstlich. Sie konnte keine Kinder mehr spielen sehen ohne bitteren Gedanken. Langsam wuchsen in ihr Hass und Zorn, Neid und Eifersucht auf alles Lebendige und Gesunde. In ihren Gedanken lebten alle Menschen glücklich und zufrieden. Nur sie war geschlagen und voller Leid.

In ihrer Not ging sie zum Pfarrer. Der bat sie, durch das Dorf zu gehen und sich aus jedem Haus, in dem kein Leid wohnt, eine Blume zu erbitten. Mit dem Strauß sollte sie dann nach einer Woche wieder kommen. Die Frau ging durch ihr Dorf von einem Haus zum anderen. Als sie nach einer Woche zum Pfarrer kommt, hat sie nicht eine einzige Blume, aber einen Strauß von Erfahrungen. Sie musste erleben, dass in jedem der Häuser ein Leid wohnt, eine Not ist und Trost nötig war. So konnte sie manchen Leuten aus ihrer eigenen Schmerzerfahrung raten und beistehen. Das war der Anfang einer inneren Heilung.

"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können!"

(2. Korinther 1,3f)

Arme Schlucker

Wenn wir einen Menschen bezeichnen, der gescheitert, nicht zurechtgekommen, krank geworden oder heruntergekommen ist, sagen wir: "Das ist ein armer Schlucker!" Hinter dieser leicht hingeworfenen Bemerkung steckt eine schwerwiegende Aussage über den Menschen. Im tiefsten und wahrsten Sinne des Wortes sind wir alle "arme Schlucker". Was müssen wir nicht alles herunterschlucken: die unerfüllten Träume, die Ängste, die immer anwachsen, die Sorgen um Leben und Zukunft, den Ärger mit Menschen und Verhältnissen, die Unzufriedenheit im eigenen Herzen, die Kränkungen, die man uns zufügt, die Schuld, die wir auf uns laden, die Gebundenheiten auf der einen, die Zerrissenheiten auf der anderen Seite, die Gier nach Mehr, die Furcht vor dem Weniger, die Gedanken an Krankheit, Alter und Sterben.

Wo bleiben wir mit all den schweren Brocken? Wir schlucken sie herunter. Arme Schlucker. "Wisch dir die Angst vom Gesicht und schluck deine Sehnsucht herunter!" heißt es in einem Lied.

Wer all diese Probleme in sich hineinschluckt, wird krank, innerlich und äußerlich krank. Unmäßiges Essen, Alkoholmissbrauch, Abhängigkeit von Tabletten sind oft nur der verleiblichte Ausdruck einer inneren Not.

Für uns "arme Schlucker" wusste Gott eine Medizin, die Liebe.

In seiner Liebe hat uns Gott verordnet, dass wir seine Kinder seien durch Jesus Christus!"

(Epheser 1,5)

Gott hat uns Menschen die Kindschaft als Heilmittel verordnet. In diesem Geist der Kindschaft Gottes dürfen wir alle Nöte und Leiden, Schulden und Ängste hinausschreien. "Vater, in deine Hände … Vater, vergib mir … Vater unser … !" Es liegt auf der Hand, dass die Gesundung dort beginnt, wo ein Mensch nicht mehr alles schluckt, sondern es Gott heraussagen kann. Wir brauchen unsere Sorgen und Lasten, Ängste und Sünden nicht mehr im eigenen Herzen vergraben, sondern dürfen sie Gott ans Herz legen. Wer Gott am Herzen liegt, der gesundet mit seinem Herzen!

"Herr Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor dir!"

(Psalm 88,2)

Ungeduld des Herzens

Ein Mann bekommt eines Tages eine wunderbare Gans geschenkt. Am nächsten Morgen legt die Gans ein goldenes Ei. Der Mann ist außer sich vor Freude und strahlt vor Glück. Am folgenden Morgen legt die Gans wieder ein goldenes Ei. Der Mann weiß sich vor Jubel kaum zu fassen. Nun kann er sich alle Wünsche erfüllen. Als die Gans am dritten Morgen wieder ein goldenes Ei legt, kommt ihm ein Gedanke. Er rennt in die Küche, holt das große Messer, stürzt sich auf die Gans, schneidet sie hastig auf und greift gierig hinein. Aber er findet nur Gedärme und Dreck. Nun ist die Gans tot und legt ihm nie wieder ein goldenes Ei.

Eine traurige Geschichte, die vom Menschen erzählt, der in seiner Gier nach Mehr das Lebensglück zerstört. Jeder Tag, jeder Lebensabschnitt, jede Liebe, jede Beziehung ist ein großes Geschenk. Wir brauchen Zeit und Ruhe, um die täglichen Geschenke richtig zu empfangen und mit ihnen besonnen umzugehen. Aber die Ungeduld des menschlichen Herzens hat schon so manchen Tag, so manche Liebe, so manches zarte Glück zerstört, weil sie nicht warten und vertrauen konnte. Die Angst vor dem Weniger und die Gier nach dem Mehr machen uns das Leben schwer. Die Angst, zu kurz zu kommen, etwas zu verpassen, das Glück zu versäumen, und die Gier, immer alles und sofort haben zu wollen, machen unser Leben kaputt. Wir müssen jeden Tag in Ruhe ausgehen, jedes Glück besonnen empfangen, jede Beziehung ausreifen lassen und jeden Erfolg wachsen lassen. Wie hastig rennen die Menschen hinter dem großen Leben her und sehen nicht die vielen wunderbaren kleinen Dinge. Wie ängstlich hüten die Menschen ihre Güter und vergessen das wirklich Gute: ihre Lebenszeit zu nutzen.

Gott schenkt uns jeden Tag seine Liebe und Nähe, umgibt uns immer wieder neu mit seiner Barmherzigkeit. Damit können wir in Ruhe und Vertrauen leben.

Jesus sagt: "Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen kann, ob er gleich darum sorget!"

(Matthäus 6,27)

Liebe ist stärker als der Tod

Ein großer Baum mit einer herrlichen Krone ist in Jahrhunderten gewachsen. Nun wird er in Minuten gefällt, und ächzend sinkt er zur Erde. Noch grün und lebendig fällt er stöhnend um. Totes Leben oder lebendig tot. Da entdecke ich in seinem Stamm das Herz und lese, in die Rinde eingeritzt, die Worte: "Ich liebe dich!"

Auch unser Leben wächst in Jahrzehnten auf, entfaltet sich, streckt seine Wurzeln tief und die Verästelungen hoch hinaus. Aber einmal kommt der Tod, und auch wir Menschen sind schnell gefällt und stöhnend umgefallen.

Das Kreuz von Golgatha war auch solch ein gefällter Stamm. Und der daran hing, wurde von den Kräften des Bösen gefällt. Er fiel stöhnend um: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Aber Gott hat seine Liebe hineingeritzt. Der Kreuzesstamm und Opfertod Jesu sind eine einzige Liebeserklärung Gottes an uns Menschen. Und seine Liebe verwandelt das tote Leben in den Auferstandenen. Jesus lebt. Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben!"

So wurde Jesus in seinem Leben und Sterben zur Liebeserklärung Gottes an uns. Seine Liebe überwindet den Tod. Und wo immer sich ein Mensch Gott hinhält, damit er in ihn seine Liebe schreiben kann, wird totes Leben in Auferstehung verwandelt – hier in Glaubensleben, dort in ewiges Leben.

Auch wir werden eines Tages fallen. Aber wir fallen nicht dem grausamen Tod, sondern dem lebendigen Herrn in die Hände, wenn Gott in unser Leben einritzen durfte: "Ich liebe dich!"

Mut zu sich selbst

Kierkegaard erzählt in einem Märchen von einer Lilie, die an einer entlegenen Stelle sorglos und froh blühte. Eines Tages kam ein kleiner Vogel und besuchte die Lilie. Am nächsten Tag kam er wieder und dann immer wieder, bis sich die Lilie in den Vogel verliebte, weil er so gutgelaunt war. Doch es war ein schlimmer Vogel, der die Lilie ihre Gebundenheit und seine Freiheit fühlen ließ. Der Vogel erzählte ihr schließlich von anderen herrlichen Lilien, die anderswo blühten und viel Bewunderung und Beachtung fänden.

Darüber war die Lilie nun bekümmert und begann, sich mit ihrem Geschick zu beschäftigen. Sie kam sich selbst immer kümmerlicher vor und wünschte sich sehnlichst, an anderer Stelle zu wachsen, unter den Kaiserkronen und Königsblumen, von denen ihr der Vogel so viel erzählt hatte. So bat sie den kleinen Vogel eines Tages, er möchte sie doch in seinem Schnabel mitnehmen zu all den anderen Blumen, die so prächtig seien. Der Vogel erfüllte ihr den Wunsch. Er hackte mit seinem Schnabel das Erdreich rings um die Wurzeln der Lilie weg und trug sie dann unter seinen Flügeln davon. Er wollte sie dorthin tragen, wo sie in besserer Gesellschaft eine prachtvolle Lilie sein könnte. Doch unterwegs verwelkte die Lilie.
Kierkegaard schließt sein Märchen: "Hätte die bekümmerte Lilie sich genügen lassen, Lilie zu sein, wo Gott sie hingestellt hatte, wäre sie in aller ihrer Pracht dort geblieben. Dann wäre sie die Lilie gewesen, über die der Pfarrer am Sonntag sprach, als er das Evangelium las: Betrachtet die Lilien auf dem Felde, ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie eine von ihnen!"

Wege finden

Ein Mann gerät mit vielen anderen Kameraden in russische Kriegsgefangenschaft. Überharte Arbeit, eine rauhe Behandlung und schlechte Ernährung bringen sie an den letzten Rand ihrer Lebenskräfte. Tief verzweifelt denken sie an ihr Zuhause. Ein Überleben dieser Strapazen wird immer unwahrscheinlicher. Die Belastung wird immer größer, die Kräfte immer kleiner. Schließlich ist einer so zermürbt, dass er nicht mehr weiterkann. Ohne jede Hoffnung möchte er seinem Leben ein Ende machen. Es gibt eine ganz einfache Art von Selbstmord. Man läuft in den Stacheldraht des Lagers und wird sofort von den Wachen erschossen. Der Mann geht auf die Umzäunung zu. Da weht ihm der Wind ein Blatt Papier vor den Bauch. Eine Böe drückt das Papier an seinem Körper fest. Der Mann nimmt das Blatt und erkennt darin eine Seite aus dem Militärgesangbuch. Der Mann nimmt die Seite in beide Hände und liest darauf: "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann." Der Mann schreit im Gebet zu Gott: "Herr, wenn das wahr ist, dass du Wege hast, dann zeige mir einen Weg hier heraus, und mein Leben gehört dir!"

Gott fand einen Weg und brachte den Mann wieder nach Hause. Dort hat er zur Ehre Gottes immer wieder sein Erlebnis erzählt.

Viele Menschen kommen an letzte Grenzen. In tiefer Verzweiflung scheint kein Ausweg mehr möglich zu sein. Doch Gott hat immer einen Weg für uns. Niemals ist Gott mit seinen Möglichkeiten am Ende. Für jeden und alles gibt es von Gott einen Weg. Wir wollen ihm das zutrauen und uns damit trösten.

"Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl. Das macht die Seele still und friedevoll!"

"Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen!"

(Psalm 37,5)

Das Testament

Ein wohlhabendes Elternpaar hatte einen Sohn. Die Mutter starb, als der Junge noch klein war. Nun galt die ganze Liebe des Vaters seinem Kind. Der Junge wuchs unter der liebevollen Fürsorge des Vaters heran. Zwischen Vater und Sohn entstand eine innige Beziehung von Vertrauen und Zuneigung. Wie groß war der Schmerz, als der gerade erwachsene Sohn eines Tages starb! Der Vater litt unsäglich unter dem Verlust des geliebten Sohnes. Nach einigen Jahren quälender Einsamkeit starb auch der Vater. Nach der Beerdigung kamen die Verwandten, um das Testament zu öffnen. Sie waren gespannt, wem das große Vermögen zufiele. Aber sie suchten ohne Erfolg. Im ganzen Haus war kein Testament zu finden.

So beschlossen die Verwandten, den Besitz unter sich aufzuteilen. Am Nachmittag kam auch das Hausmädchen, das jahrelang für die Familie treu gearbeitet hatte. Sie trauerte dem Mann nach, der ihr in seiner Liebe zu seinem Sohn immer ein Beispiel gewesen war. Sie wollte nichts von den wertvollen Dingen aus dem Haus. Sie wollte nur ein Andenken an die Familie mitnehmen. So nahm sie ein kleines Bild von der Wand, das den Vater mit dem Sohn zeigte. Es war nur eine ganz einfache Fotografie, aber sie würde das Mädchen stets an die Liebe zwischen Vater und Sohn erinnern. Sie brachte das Bild nach Hause, und als sie es bei sich aufhängen wollte, fiel ein Stück Papier auf den Boden. Sie nahm es auf und fand das Testament des Vaters. Er hatte geschrieben: "Wer immer den Wunsch hat, dieses Bild zu besitzen, soll mein Erbe sein. Er soll meine ganzen Besitztümer erhalten!"

Sind wir nicht auch wie die Verwandten? Wir kommen lediglich zum Haus des Vaters, um von seinen Reichtümern zu bekommen. Es geht uns nicht um seine Liebe, seinen Sohn, sondern nur um die Reichtümer aus seiner Hand. Aber die Bibel sagt uns, dass wir nur in der Liebe des Sohnes reich sind.

"Wer den Sohn hat, der hat das Leben!"

(I. Johannes 5,12)